"Werde ich einmal erlöst?"

Interview im Spiegel vom 01.08.2015

01.08.2015 | Spiegel 32 / 2015

Erwin Huber, 69, ehemaliger CSU-Parteichef, nennt sich selbst einen Politik-
Junkie. Er glaubt, dass alle Politiker abhängig sind, von Macht, Ruhm und Anerkennung.

SPIEGEL: Herr Huber, wir möchten mit Ihnen
über das Thema Sucht sprechen.
Huber: Um Himmels willen.
SPIEGEL: Sie waren CSU-Generalsekretär
und Parteichef. Als Sie zurücktraten, haben
Sie nicht einfach aufgehört, sondern
haben sich entschlossen, noch mal für den
bayerischen Landtag zu kandidieren – als
normaler Abgeordneter. Sie haben gesagt,
Sie seien süchtig.
Huber: Das stimmt schon.
SPIEGEL: Wie äußert sich Politiksucht?
Huber: Wie normale Sucht auch. Man
braucht Politik und alles, was damit zu tun
hat. Man ist abhängig, das gibt es auch in
anderen Berufen, bei Managern, Unternehmern.
Man hängt, überspitzt gesagt,
an der Nadel.
SPIEGEL: Was wird durch diese Nadel injiziert?
Huber: Eine Mischung aus Macht und Publicity.
Ich bin mit einem idealistischen
Ansatz eingestiegen, ich wollte etwas bewegen,
das will ich bis heute. Ich bin eigentlich
kein typischer Machtmensch, aber
je mehr man in der Hierarchie aufsteigt,
desto mehr Macht bekommt man. Sach -
politik und Machtpolitik vermischen sich.
Das zweite Suchtmittel ist die Popularität.
Strauß hat mal gesagt: „Der Politiker ist
wie der Künstler, er lebt von der Gage und
vom Beifall.“ Bekannt zu sein, zum Teil
bewundert zu werden, die Zustimmung der Leute zu bekommen, eine Fangemeinde
zu haben, das ist berauschend.
SPIEGEL:Wie fühlt es sich an, high von Poli -
tik zu sein?
Huber: Man geht um Mitternacht ins Bett
und will nach dem Aufwachen direkt wieder
loslegen. In gewissem Sinne klebt man
an der Macht. Ich vermute, ab einer bestimmten
Machtstufe geht das jedem so,
ich sage mal bewusst ketzerisch: Alle Minister
sind süchtig. Nach ihrer Arbeit.
SPIEGEL: Also regieren Süchtige das Land?
Huber: Ich kann verstehen, dass das ein erschreckender
Gedanke ist, aber ich glaube,
ohne diese Sucht kann man diesen Job
überhaupt nicht machen, man muss Workaholic
sein, sonst ist das Pensum gar nicht
zu bewäl tigen.
SPIEGEL: Kurt Cobain hat mal gesagt, dass
er irgendwann das Gefühl hatte, sich schon
nach dem Nadelstich besser zu fühlen, obwohl
das ja nur ein Schmerz ist. Können
Sie das verstehen?
Huber: Ich glaube nicht, dass er sich nach
dem Stich gesehnt hat. Er war süchtig nach
dem Stoff, und der Stich signalisierte, dass
der bald kommt. Man braucht als Politiker
auch eine Art Stoff. Man braucht das Gefühl,
am Puls der Zeit zu sein, wichtig zu
sein, ein Teil der Zeitgeschichte. Man trifft
Entscheidungen, die möglicherweise über
die eigene Lebenszeit hinaus bedeutsam
sind. Es gibt also verschiedene Suchtmittel,
die da fast täglich injiziert werden und die
es Politikern in der Regel nahezu unmöglich
machen, selbst auszusteigen.
SPIEGEL: Sie sind nach dem schlechten Landtagswahlergebnis
der CSU im Jahr 2008
als Parteivorsitzender zurückgetreten. War
das ein Entzug?
Huber: Ich bin zwar 2008 aus den Spitzenämtern
herausgefallen, das sage ich jetzt
mal so wertneutral. Wenn ich mich von
der Politik damals vollkommen verabschiedet
hätte, dann wäre ich wahrscheinlich in
ein schwarzes Loch gefallen. Es gibt Politiker,
die ihr Leben lang so einen Absturz
nicht mehr verarbeiten können. Sie nehmen
ihre Enttäuschung mit ins Grab. Das
wollte ich nicht. Ich wollte nicht mein eigenes
Leben im Schatten leben, immer
wieder die alten Geister in meinem Kopf
heraufbeschwören, sie immer wieder imaginär
bekämpfen. Das ist eine Willens -
sache, und die Arbeit hat mir geholfen. Ich
bin jetzt jedenfalls bis 2018 gewählt.
SPIEGEL: Und dann?
Huber: 2018 bin ich 72. Dann höre ich auf.
SPIEGEL: Ist die Zeit bis dahin für Sie so etwas
wie Ihr Methadonprogramm? Um runterzukommen?
Huber: Ich habe jedenfalls Zeit gewonnen,
mich vorzubereiten. Vorher habe ich 80
Stunden pro Woche gearbeitet, heute sind
es vielleicht 60. Früher wurde ich bereits
* Mit den Redakteuren Britta Stuff und Peter Müller.
unruhig, wenn ich an Ostern oder Weihnachten
nichts zu tun hatte, heute mache
ich beim Radeln schon mal das Handy aus.
Meine Familie wollte eigentlich, dass ich
2013 Schluss mache. Ich glaube, dass sie
sich dann hinter meinem Rücken verständigt
haben: Wir lassen ihn noch einmal,
das hilft ihm.
SPIEGEL: Viele Süchtige verlieren nach und
nach ihre Freunde, weil sich ihr ganzes Leben
nur noch um die Sucht dreht. Wie ist
das in der Politik?
Huber: Genauso. Man hat als Spitzenpolitiker
kaum noch Freunde. Man verliert alle
Kontakte, nach und nach, erst merkt man
es gar nicht, und dann ist es eine Tatsache.
Aber inzwischen gewinne ich allmählich
wieder einen kleinen Freundeskreis, den
verdanke ich meiner Frau. Viele Politiker,
die aufhören, haben eigentlich niemanden
mehr. Sie haben allenfalls einen politischen
Bekanntenkreis, aber der kreist
dann auch wieder nur um Politik.
SPIEGEL: Die Sucht wird zum Lebensinhalt.
Huber: Ja. Man könnte auch sagen: Der Beruf
wird zum absoluten Lebensinhalt. Ab
einer bestimmten Flughöhe ist das so, da
gibt es keinen Feierabend im Kopf, man
hat eben keine Zeit zum Kegeln und zum
Kartenspielen, man hat auch nicht die
Möglichkeit, spontan für jemanden da zu
sein. Selbst auf Feiern ist man immer eine
öffentliche Person. Ich bin oft auf Volksfesten
in Niederbayern, sonst wäre ich ja
kein volkstümlicher Politiker. Auch da
kommen immer welche, die politische
Gespräche wollen, das stört mich auch
nicht, ich mache es ja gern. Aber man
kommt aus dem Dienstanzug nicht heraus
– und käme man es doch, würde einem
was fehlen. Was für die Leute eine schöne
lockere Veranstaltung ist, ist für den Politiker
immer auch dienstlich und nur ein
begrenzter Spaß.
SPIEGEL: Der langjährige -Reporter
Jürgen Leinemann hat die Sucht der Politiker
als „Höhenrausch“ beschrieben, in
dem die reale Welt aus dem Blickfeld verschwindet.
Wie sehr deformiert Politik?
Huber: Politik nimmt Zugriff auf den ganzen
Menschen, auf Körper, Geist und Seele.
Als ich ein ganz junger Mann war, hat
ein alter Kommunalpolitiker zu mir gesagt:
„Die Politik ist wie ein Fleischwolf, da
kommst du nur zerhackt raus.“ Es verändert
einen einfach, auch zum Guten. Man
wird sehr zielstrebig.
SPIEGEL: Sie haben selbst den einen oder
anderen durch den Fleischwolf gedreht,
wenn es sein musste. Zum Beispiel in der
Kreuther Putschnacht 2007, als Sie mit dafür
sorgten, dass Edmund Stoiber sein Amt
abgab. Tut Ihnen das heute leid?
Huber: Warum? Das war eine Rettungs -
aktion für die CSU.
SPIEGEL: Sie hatten also kein Mitleid mit
Stoiber?
Huber: Ich habe an die Zukunft meiner Partei
gedacht. Und ganz unabhängig von
Stoiber: In politischen Kreisen ist das gegenseitige
Mitleid sehr unterentwickelt.
SPIEGEL: Hatte jemand Mitleid mit Ihnen,
als Sie sich zurückgezogen haben? Bekamen
Sie Anrufe, Mails?
Huber: Von der Basis ja. Sonst sagt vielleicht
mal jemand im Vorbeigehen: Kopf hoch,
Junge. Aber das war’s dann auch. Ich wollte
auch kein Mitleid. So ist das Geschäft.
Später spricht man dann mal unter vier
Augen, aber da braucht man ein bisschen
Abstand.
SPIEGEL: Merken Sie sich, wer Ihnen mal
was angetan hat?
Huber:Mein Zahnarzt sagt, ich sei indolent,
das heißt schmerzunempfindlich.
SPIEGEL: Sie kriegen nichts mehr mit?
Huber: Doch, aber man lernt, nicht alles an
sich ranzulassen. Ich bin nicht nachtragend,
was politisch vielleicht eine Schwäche ist.
SPIEGEL: Ihr politischer Entzug begann mit
dem Wahlabend 2008, als die CSU in Bayern
eine schwere Niederlage einstecken
musste. Wie ist Ihre Erinnerung daran?
Huber: Furchtbar. Ich war schon mittags
beim Essen mit meiner Frau sehr angespannt
und betroffen. Die ersten Zahlen
hatte ich um 16 Uhr, die lagen bei 42, 43
Prozent. Fünf Jahre zuvor waren es 60 Prozent.
Ich habe das nicht glauben können.
Wir haben uns dann getroffen in der Staatskanzlei,
Beckstein und andere Vertraute.
Ich war praktisch paralysiert. Die Nacht
danach war eine der schlimmsten meines
Lebens. Es ging ja auch nicht nur um mich.
SPIEGEL: Wie lange haben Sie gebraucht,
um sich davon zu erholen?
Huber: Das braucht einige Zeit. Es ist ein
schmerzlicher Prozess, wenn der Einfluss
schrumpft. Ich habe vorher, wie viele erfolgreiche
Politiker, in einer Wolke gelebt,
obwohl ich, glaube ich, nie die Bodenhaftung
verloren habe. Bei Max Streibl hab
ich das plastisch erlebt. Ich hatte ihn damals
über seine verheerenden Umfrageergebnisse
informiert. Er verdrängte das, er
sagte: „Tut mir leid, das erlebe ich jeden
Tag vor Ort anders.“ In Bayern gilt der
Staat etwas und der Repräsentant des Staates
ebenfalls. Die Leute, die man trifft, bringen einem schon wegen des Amtes
Respekt entgegen. Die Kritiker sieht man
nicht, sie kommen nicht ins Bierzelt, sie
sind imaginär. Sie sind Prozentzahlen, denen
man nie begegnet. So hat man, wenn
man das Regieren gewohnt ist, wie die
CSU, gelegentlich einen Realitätsverlust.
SPIEGEL: Ist die CSU also anfälliger für Größenwahn?
Huber: Jeder, der Macht hat, ist in dieser
Gefahr.
SPIEGEL: Zurzeit kann man sich kaum vor
Markus Söder retten. Es vergeht kein Tag,
an dem der nicht in der Zeitung steht, und
sei es mit einer Geschichte über ein Strauß-
Poster in seinem Jugendzimmer. Ist er der
Prototyp des Süchtigen?
Huber: Er ist jedenfalls bereit, seinen Zielen
alles unterzuordnen.
SPIEGEL: Bis zum Jahr 2018 gehen noch einige
Jahre ins Land. Beruhigt Sie das?
Huber: Ja. Zurzeit habe ich ein gutes Gefühl,
wenn ich zurückschaue auf meine Lebensbilanz.
Ich konnte etwas schaffen, und das
Positive überwiegt weit. Und jetzt habe ich
noch Zeit, Hobbys zu finden, andere Dinge,
die mir Spaß machen. Ich bin inzwischen
auch lesemäßig unterwegs, Klassiker wie
„Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“,
aber auch Jugendbücher. Neulich
habe ich diese Reihe von Stephenie Meyer
gelesen, „Biss zum Morgengrauen“.
SPIEGEL: Aber eine Modelleisenbahn wie
Horst Seehofer haben Sie nicht im Keller?
Huber: Nein, habe ich nicht. Im Keller höre
ich Wagner-Opern. Ich sitze auf meinem
Sessel, schließe die Augen, da darf mich
niemand stören.
SPIEGEL: Bei Wagner geht es ja auch um
Macht und Rausch, um Aufstieg und Fall.
Huber: Es geht vor allem um Erlösung. Ich
liebe die „Götterdämmerung“. Die dreht
sich genau um meine Frage: Werde ich von
dieser Sucht einmal erlöst? Oder muss ich
frustriert sterben? Ich habe ein paar gute
Vorsätze gefasst.
SPIEGEL: Welche?
Huber: Zum Beispiel, dass ich es nicht glauben
werde, wenn jemand aus der Politik
sagt: „Wir werden auf deinen Rat zurückkommen.“
Das ist der größte Irrtum, den
man als Politiker begehen kann. Erstens
kommt niemand, zweitens will es auch niemand
hören. Ich will nicht rumgranteln,
ich werde mich zurückhalten, auch wenn
es schwerfällt. Aber nur Radl fahren und
lesen bringt’s nicht. Vielleicht kaufe ich
mir einen Fischweiher oder ein paar Bienenvölker.
Ich will Klavier lernen. Man
wird in meinem Alter nicht mehr Konzertpianist,
aber man kann lernen, ganz passabel
zu spielen. Der Organist in meiner
Kirche hat gesagt, das ist ja ganz hervorragend,
dann kannst du am Sonntag, wenn
ich keine Zeit habe, die Orgel bedienen.
SPIEGEL: Herr Huber, wir danken Ihnen für
dieses Gespräch.